Heimat oder was?

by Brigitte Jaeger-Dabek on 21. April 2010

Eine komplizierte Frage ist dieses Thema „Sind wir Nachgeborenen, wir im Exil unserer Eltern geborenen Nachkriegskinder noch Masurens Kinder?“ Sie berührt die Frage nach der eigenen Identität, dieser manchmal schwierigen eigenen Identitätsfindung.

Wir also sind die Nachgeborenen, keine Eingeborenen, auch keine dort Geborenen. Wir sind hineingeboren in ein Dasein zwischen Baum und Borke. Ist sie wirklich eine Gnade, diese späte Geburt? Die Gnade nicht nur die deutsche Schuld sondern auch das Trauma nicht selbst erlebt zu haben?

Wir sind nach etwas geboren, nach dem großen Schnitt, nach dem großen Trauma, nach dem großen Verdrängen. Nachgeboren – nach einem harten Schnitt begann mit uns ein neuer Film, als ob es nie ein vorher gegeben hätte.

Hätten sie es Heimat genannt, wäre für mich als Kind vieles leichter gewesen. Aber dieses Wort benutzten sie nie, sie sagten immer zu Hause, wenn sie Ostpreußen meinten.
Zumindest der Vorhof zum Paradies muss dieses Zuhause gewe¬sen sein. Als ich noch im Vorschulalter war, zogen meine El¬tern, die Großeltern väterlicherseits und ich in unser neues Haus. Wir wohnten nun in einem ganz neuen Stadtviertel, in dem ein Ei¬genheim nach dem anderen entstand. Die meisten Bewohner dieser Straße am Rande der städtischen Zivilisation waren Flüchtlinge. Die Randlage, in der jegliche Infrastruktur überhaupt erst am Entstehen war, dieser verschwommene Übergang in die Wildnis der noch unbebauten Areale machte diese Straße für uns Kinder zu einem ganz eigenen Paradies, in dem wir unsere Kindheitsträume lebten. Wir spielten nicht Wilder Westen, hier war die Wildnis.

Und hier waren wir alle gleich, wir Kinder der ersten Nachkriegsgeneration, hier waren wir keine Rucksackdeutschen, kein Polackenpack, keine Habenichtse aus Deutsch-Sibirien. Hier war vieles anders und wir waren Cowboys und Indianer, Seeräuber und wir waren Seefahrer und Entdecker, spielten Fußball und Eishockey, kletterten auf Bäume, egal ob wir Mädchen waren oder Jungen.

Auch allen Erwachsenen war gemein, dass sie hier fremd waren, sich die neue Umgebung erst einmal erobern und zu eigen machen mussten. Ein wenig Pioniergeist wehte durch die staubige, noch etliche Jahre nicht geteerte Straße. „Kibbuz“ nannten die Alteingesessenen unsere Gegend ob der gemeinsam angeschafften Gartengeräte und der Solidarität einer engen Gemeinschaft, die hier entstand. Ein wenig war es, als ob sie sich eine neue Heimat schaffen würden, mit einer neuen Gemeinschaft die so fest gefügt und verlässlich war, wie so etwas sonst nur in gewachsenen dörflichen Strukturen zu finden war.

Den alteingesessenen Einheimischen war das Treiben in unserer Straße ziemlich suspekt – mein Gott, die verstehen sich ja sogar mit dem Kommunisten in der Baracke dort droben! Es war eine Art Gegengesellschaft entstanden, in der die Einheimischen deutlich in der Minderzahl war, Überfremdungsängste waren da, Neid auf die Häuslebauer, man fühlte sich unterschwellig ganz leise in der eigenen Lebensart bedroht.

Bald wurde unsere Ge¬gend auch mit einer evangelischen Kirche bedacht, eine ganz neue, damals junge und aktive Gemeinde entstand. Ich ging gern zum Kindergottesdienst, beide Pastoren waren in jener Zeit noch absolute Respektspersonen, aber der eine, ein junger Baltendeutscher hatte einen so anheimelnden Tonfall und brauchte niemals laut zu werden, da er es verstand, uns zu fes¬seln. Der zweite, unser Hauptpastor, war im Grunde ein stock¬kon-servativer, sogar recht strenger Mann, der aber auf unnachahmliche Weise rotbackig strahlend seine eigene Freude und Begeisterung zu vermitteln wusste. So wie ihn stellte ich mir Luther vor, in seiner ganzen Art hätte er dessen Nachfahre sein können.
Dort hatte ich also meine erste Begegnung mit der Religion, hörte vom Paradies und davon, dass die Errichtung des Reiches Gottes das Paradies auf Erden wäre. Dieses Paradies auf Erden musste in Ostpreußen liegen, jedenfalls legte ich mir das nach den verklärten Erzählungen und Schwär¬mereien meiner Familie so zurecht. In meiner kindlichen Gedankenwelt hatte das Hiersein, das Leben im Stader Exil irgendwie mit der Vertreibung aus dem Paradies zu tun.

Ich nahm das ganz wörtlich, bloß die Sache mit dem Apfel konnte ich in der Geschichte nicht unterbringen Entweder hatte Gott da etwas verwechselt, oder der Pfarrer, aber ich traute mich nicht so recht, das zu hinterfragen.

Später begriff ich dann,  dass ich da beim Kombinieren zu voreilig gewesen war. Noch später lernte ich, Abstraktes zu erfassen, wusste, dass die Vertreibung aus dem Paradies bestenfalls als Allegorie für den Verlust der Heimat taugte und das Paradies geographisch nicht zu lokalisieren ist, noch nicht einmal auf Ostpreußen. Am Ende dieses Prozesses konnte ich mir dann auch die Geschichte mit dem Apfel besser erklären – die Deutschen hatten ihre Unschuld verloren.

Die Ungereimtheiten in der Begriffswelt meiner Angehörigen beschäftigten mich. Wieso sagten die bloß immer zu Hause, wenn sie Ostpreußen meinten? Waren wir denn nicht in Stade zu Hause? Wir hatten doch hier unser Haus, wieso hatten sie das dann überhaupt gebaut? Oder konnte ein Mensch mehrere Zuhause haben?

Das verunsicherte mich, das machte mich wütend, weil mich alles brüten nicht weiter brachte. Manchmal knurrte ich trotzig „wir wohnen doch hier, also sind wir hier auch zu Hause.“ Dann be¬trachteten sie mich als Trotzköpfchen und lächelten wissend mit diesem ziehenden, melancholischen Unterton, diesem Hauch von Trauer tätschelten sie mich und sagten: „das verstehst du nicht.“ Zack! Das war’s dann wieder und machte mich meist eher noch wütender. Klar, ich kannte dieses Zuhause ja nicht, konnte vor allem damals als kleines Kind nicht ermessen, was sie verloren hatten. Wahrscheinlich würde ich dieses alte Zuhause auch nie kennen lernen. Ich fühlte mich dann ungerecht behandelt, vor allem aber ausgeschlossen von einem zentralen Bereich des Lebens meiner Familie. Als Einzige war ich hier geboren und betrachtete das als einen Makel. War ich nicht gut genug gewesen, in diesem Paradies geboren zu sein? War ich ein solch böses Kind, dass ich nicht im Familienparadies aufwachsen durfte? Wie eine Außenseiterin fühlte ich mich dann, eine Einzelgängerin – Einzelgänger, Individualist blieb ich übrigens im späteren Leben.

Konnte bei uns nicht einmal etwas so sein, wie bei meinen Spiel- oder Schulkameraden? Bei anderen hieß es vielleicht, meine Großeltern kommen aus Harsefeld oder Bremervörde. Meine reisten zwar auch aus Bremervörde an, aber sie kamen aus Insterburg – Deutsch Sibirien. Nebenbei bemerkt hatte ich viel später das Gefühl, manche meiner Angehörigen wären nie ganz hier ange¬kom¬men. Sie blieben etwas fremd, blieben auf Dauer im Exil und haben sich nie ganz auf die neuen Lebensumstände und das neue Land eingelassen, von dem sie selbst ja auch abgelehnt wurden. Es belief sich also auf Gegenseitigkeit. Dabei träumten sie nie von einer Rückkehr, nur von dem verlorenen Paradies ihrer eigenen Jugend.

Meine Eltern hatten sich nach dem Krieg kennen gelernt und gingen nach ihrer Heirat zügig daran, eine eigene Existenz aufzu¬bauen, machten sich selbständig und bauten dann Anfang der Fünfziger Jahre. Sie standen also in ihrem Alltag mit beiden Beinen im Leben und schienen sich durchaus auf Dauer einzurich¬ten, redeten nie von Rückkehr. Rational war ihnen bewusst, dass es kein zurück mehr geben würde, aber diese für mich imaginären, nur noch in ihren Köpfen existierenden Erinnerungen, diese geistige Gegenwelt ließ mir in meinen Kinderjahren unser Dasein in Stade irgend¬wie provisorisch erscheinen. Besonders in der Großelterngene-ration erlebte ich so die Vergangenheit als etwas nebulös verklärtes mit schrecklichem Ende, die Gegenwart als etwas ungeliebtes nie ganz akzeptiertes und die Zukunft als etwas, woran sowieso niemand danken mochte. Nichts würde je an die Vergangenheit heranreichen und manchmal war ich mir nicht einmal ganz sicher ob es wenigstens ein heute für sie gab.

Besonders in meinen frühen Kinderjahren mit dem noch gerigen zeitlichen Abstand war der Krieg mit dieser für sie finalen Katastrophe das bestimmende Ereignis im Leben meiner ganzen Fami¬lie.

Dieses traumatische Kernerlebnis war  in den mich prägenden Jahren immer präsent. Mit zunehmendem zeitlichem Abstand änderten sich die Gewichtungen dann etwas, viele neue Eindrücke kamen dazu. Das Aufbauen, der Neuanfang brauchte eigentlich die ganze Kraft, an der diese rückwärtsgewandte Trauer aber immer noch zehrte. Gab es überhaupt irgendetwas anderes als diese zwei Dinge Flucht und Aufbau in dieser Zeit? Natürlich wurde auch gefeiert, gab es überaus frohe Stunden, vor allem bei Familienfeste. Da wurde gelacht bis die Tränen kamen, aber immer war da dieses ‘weißt du noch?’, jede Menge Anekdoten, Geschichten aus einem fernen Land. Aber über allem lag immer ein Hauch von Melancholie, war die Wehmut über die Endgültigkeit dieses ‘es war einmal’ allgegenwärtig. Natürlich konnte ich das damals noch nicht ausdrücken, aber ich spürte es.

Endgültig war dieser Verlust und total, da war nicht nur die geographische Heimat verloren, eine ganze Lebenswelt war unterge¬gangen. Diese Katastrophe der Flucht ohne Wiederkehr war et¬was fundamental anderes als die Flucht meiner Großmütter im 1. Weltkrieg, die in ihren Erzählungen eher einem Jungmädchenabenteuer glich. Die Flucht von 1914 fand ein gutes Ende in der Rückkehr, die von 1945 wurde zum alles beherrschenden Erlebnis, zum Lebenstrauma vor allem der Frauen.

Wie tief dieses Trauma saß, zeigt sich auch daran, dass ich mich noch deutlich an zwei politische Krisen erinnere – die Kubakrise und den Berliner Mauerbau – obwohl ich damals gerade mal  zehn Jahre alt war. Ich verstand nicht ganz genau worum es dabei ging, aber ich spürte deutlich die angespannte Stimmung. Ernst wurden alle Nachrichtensendungen verfolgt, es ging sehr gedrückt zu und mögliche Folgen wurden besprochen, auch mit den Großeltern. Und dann wurden Vorbereitungen für den Kriegsfall getroffen, die Zivilschutzbroschüre studiert, Vorräte wurden gesichtet und zugekauft. Ich wurde mit meiner Gro߬mutter abgestellt im Eisen¬warengeschäft, das am anderen Ende der Stadt lag, eine Spitzhacke käuflich zu erwerben. Die Angst legte sich wie ein Reif um die Brust bis die erlösende Entwarnung kam.

Der Bau der Mauer brachte ein Teil Fassungslosigkeit dazu, es war Sonntag, alle waren daheim, das Radio lief durchgehend, was es sonst bei uns nie tat und meine geliebte sonntägliche Kinder¬stunde fiel aus, die ich sonst immer gemeinsam mit den Nachbarskindern gespannt verfolgte.

Später verstand ich, warum sie alle den Kopf schüttelten und es nicht fassen konnten. Ihre Heimat, noch weiter östlich, war gerade endgültig hinter einem Eisernen Vorhang aus Minenfel¬dern, Stacheldraht und meterhohen Mauern verschwunden. Zwischen Heimat und Bundesrepublik lag nun mit der eingemauerten DDR ein schier unüberwindliches Hindernis. Erst als diese Mauer fiel, sollte auch das alte Ostpreußen wieder aus der Vergessenheit auftauchen und zugänglich werden.

So wuchs ich auf in dem Bewusstsein, dass einem jederzeit alles genommen werden konnte und es war mir auch durchaus klar, dass meine Familie anders war, als die der hiesigen Schulkameraden, da musste keiner erst Flüchtlingspack oder Rucksackdeutscher schreien, was übrigens während meiner Kindheit sehr wohl noch vorkam.

Auch später hatte ich lange das Gefühl in dieser etwas steifen, hanseatisch geprägten norddeutschen Kleinstadt nie wirklich ganz dazu zu gehören, obwohl ich hier geboren war. ‘Bevor du nicht mindestens zwei, drei Generationen auf dem Friedhof zu liegen hast, gehörst du nicht ganz zu uns, heißt es bei uns im Norden, ‘da kann einer zehnmal hier geboren sein, Hiesiger ist der noch lange nicht.’

Irgendwie störte mich das damals nicht mehr so sehr, es war die Phase der Studentenrevolte, ich hatte inzwischen den Mai 1968 in Paris als Austauschschüler erlebt. Wir alle wuchsen nun aus unseren Elternhäusern hinaus, äußere Einflüsse begannen wichtig zu werden. Solche Äußerungen stammten für uns aus einer Welt der verknöcherten Spießern, waren bourgeois.

Ich will beileibe nicht behaupten, in meiner Kindheit unter dem Flüchtlingsdasein meiner Familie gelitten zu haben, aber einige Erinnerungen, auch an versteckte kleine Bosheiten blieben doch. Und es blieb auch über die spätere Jugendzeit hinweg, in der andere Einflüsse und neue, eigene Erfahrungen viel wichtiger wurden ein manchmal mit etwas Stolz getragenes Gefühl der Andersartigkeit.

Aber erst als reifere Erwachsene wollte ich diese Andersartigkeit auch selbst ergründen. Lag sie nur am Familientrauma der Flucht oder womöglich an andersartigen Menschen die aus einer anderen Welt kamen?

Als ich 1976 zum ersten Mal nach Ostpreußen reiste, war ich vierundzwanzig Jahre alt und ziemlich weit entfernt von den Gedanken und Empfindungen der Kindheit. Andere Dinge waren wichtiger geworden und hatten Ostpreußen verdrängt. Die Einflüsse von außerhalb der Familie waren größer geworden, eigene Erfahrungen kamen dazu. Der Horizont wurde größer, als Spätachtundsechzigerin war ich stark geprägt gewesen vom politischen Interesse, bezog Stellung zu allem und jedem. Langsam wurde ich erwachsen, die Meinungen waren nicht mehr so radikal, Anpassung, die man ja eigentlich nie wollte, begann ganz schleichend, man suchte seinen Platz im Leben zu finden.

Die Distanz zwischen den vielen Geschichten meiner Kinderzeit und meinem Leben als junger  Erwachsener konnte größer nicht sein als gerade zu dieser Zeit. Ich hielt sie für bedeutungslos, sie hatten keinerlei wirklichen Bezug zu meinem eigenen Leben, die Welt hatte sich in immer schnellerem Tempo von ihnen weg bewegt. Trotzdem, bei jedem Familienfest kamen immer noch die unvermeidlichen zu Hause-Geschichten aus Tapet.
Während der Pubertät, in der einen ja bekanntlich sowieso alles nervt, war ich in meinem hilflosen Gefühl der Ausgeschlossenheit manchmal drastisch geworden. Mittlerweile ging ich diesen Komplex mit ironischer bis sarkastischer Distanziertheit an, ich kommentierte dann etwa wie ‘ich weiß, vor dreißig Jahren in Ostpreußen hat das Brot ‘nen Groschen gekostet und alles war besser’, Ostpreußen nannte ich jetzt oft Kalte Heimat.

Als mein Vater mir von seinen Reiseplänen erzählte, war ich trotzdem gleich Feuer und Flamme. Natürlich wollte ich mitfahren, wir würden doch die Buchung für meine Mutter nicht verfallen lassen, die lieber bei ihrem todkranken Vater bleiben wollte.

Wenn ich mich heute frage, warum ich meinen Vater damals unbedingt  begleiten wollte, war das sicher ein ganzes Gemenge von Beweggründen. Von einiger Bedeutung war sicher eine gewisse Abenteuerlust, die mir durchaus geblieben ist. Go east, bis dato eines der letzten Abenteuer Europas, nur dass es heute viel weiter geht als nur bis Polen. In den 70er Jahren war Polen jedenfalls Richtung Osten für den PKW-Individualtouristen das maximal mögliche Ziel. Es herrschte Kalter Krieg und ich war noch nie in einem Ostblockland gewesen.
Östlich der Elbe war die Landkarte für mich was Reisemöglichkeiten betraf ein einziger weißer Fleck, weiter entfernt als der Südpol, weil noch unerreichbarer. Nun sollte ich diese terra in¬co-gnita für mich entdecken! Gewiss war da auch Neugier auf das ‘Land der Väter’, das meine Kindheit so beherrscht hatte, so fern war und doch so vertraut.

Bilder hatten sie in mir mit all ihren Erzählungen entstehen lassen, jetzt wollte ich natürlich überprüfen, ob sie der Wirklichkeit standhielten. Skeptisch war ich diesbezüglich schon und durchaus gewärtig, dass manches schöngeredet, ja glorifiziert worden war.

Schöne Landschaften gab es schließlich auch anderswo auf Erden. Und vor allem wollte ich mich in meinem Urteil keineswegs von etwaiger Rührung meines Vaters oder irgendwelchen sonsti¬gen Emotionen beeinflussen lassen. Nüchtern wollte ich mir dieses Gelobte Land ansehen, möglichst objektiv beobachten und Distanz waren, wenn nicht anders, dann meine bewährte ironsche Distanziertheit vorschieben, bevor ich mich in sentimentalen Gefühlen verlor. Anschließend würde ich das Ganze dann auf einer Art Skala einordnen um es mit anderen bereits gesehenen Gegenden vergleichen zu können. Ich war durchaus bereit, diese Skala nach unten hin weit offen zu halten, war bereit auch zu beißender Kritik. Ehrlich gesagt hielt ich die meisten Schilderungen sowieso längst für übertrieben, und überhaupt war ich mit meinen vierundzwanzig Jahren schließlich abgeklärt, welterfahren, ja fast kosmopolitisch zu nennen.

Nun ging es endlich los, wir fuhren mit der Fähre bis Danzig, die DDR wollten wir uns nicht antun. Die Stimmung auf dem Schiff änderte sich, je näher wir Danzig kamen. Eine Spannung lag über dem Deck, eine bebende Erwartung, seit mit der Halbinsel Hela Land in Sicht kam. Immer mehr Passagiere drängten sich an der der Küste zugewandten Reling.
Fast alle fuhren ja aus dem selben Grund nach Danzig, so war man dann auch am Vorabend leicht ins Gespräch gekommen. Etliche Mitreisende sahen angestrengt aus, viele hatten nicht geschlafen, so aufgewühlt waren sie. Die meisten kamen zum ersten Mal nach Kriegsende in die Heimat zurück. Als das Schiff in die Danziger Bucht einläuft, der Hafen von Hela an Steuerbord liegt und an der Küste voraus Einzelheiten erkennbar werden, kommt die erste Erschütterung bei denjenigen hoch, die dort zu Hause waren und auch bei denen, die ihre Heimat per Schiff verlassen hatten.

Noch einmal kommt Bewegung ins Schiff, als die Fähre querab von der Westerplatte drehen muß, damit später die Autos vor¬wärts von Bord rollen können. Die Lautsprecher dröhnen, es wird angesagt, wie die Zollformalitäten und das Ausborden vonstatten gehen werden. Besonders eindringlich und laut wird verkündet, was man alles nicht fotografieren darf, vor allem nicht den Marinehafen Westerplatte, was aber niemanden abhält. Schnell noch ein Foto, dann ab auf die andere Schiffsseite, wo jetzt alle dichtgedrängt beim Einlaufen nach Neufahrwasser stehen. Wer dies möchte, wird in stummem Einverständnis in die vorderste Reihe an die Reling gelassen, keine Drängelei, kein Geschubse, man wußte ja aus den Gesprächen vom Vorabend, daß einige von Angehörigen abgeholt werden würden, die sie seit der Flucht nicht mehr gesehen hatten. An Land vor dem eingezäunten Zollhafen, direkt am Uferzaun winkende Menschen in Zweierreihe, an Bord Aufschreie des Erkennens, Grüße, tränenüberströmte Gesichter, rudernde Arme, die Tücher schwenken.

Als das Schiff festmacht und alles zu den Autos oder den Gangways für die Fußgänger eilt, sehe ich im Vorübergehen noch einmal die ältere Dame, mit der wir uns am Vorabend unterhalten hatten. Nicht anheben kann sie ihren Koffer, nur auf dem Boden schieben, er ist voller Konserven für die Ihren, die sie seit Kriegsende nicht gesehen hat. Den ganzen Abend kreisten ihre Gedanken darum, ob sie sie überhaupt wiedererkennen würde, die Schwester und die Tochter mit dem Mann, ihrem Schwiegersohn und den beiden Enkeln, die sie alle drei gar nicht kannte. Sie winkt uns fast triumphierend zum Abschied, ein Lächeln aus einer anderen Welt trifft mich, vollkommen entrückt, noch von Tränen verschleiert, aber unendlich glücklich, am Ziel allen Sehnens.

So oft ich vor der Wende mit der Fähre nach Polen fuhr, war das An- und Ablegen in Danzig immer mit einer ganz besonderen Stimmung belegt. Das Anlegen als Wiedersehen mit diesem nicht freiwillig verlassenen Land, mit geliebten, vermissten Menschen, das Ablegen zu Zeiten des Kalten Krieges barg immer die Ungewissheit, ob es ein nächstes Mal geben würde.
Dieses für mich erste Mal hat mich ganz besonders berührt, hat mich bewegt, wie selten irgendetwas. Jetzt begann ich erst ganz langsam die ganze gefühlsmäßige Ebene und Bedeutung dieses Heimatverlustes zu begreifen, das emotionale Leid, das er verursacht hatte und auch noch über dreißig Jahren noch immer verursachte, verstand dass er auch zusammengesetzt war aus einer Vielzahl an menschlichen und zwischenmenschlichen Tragödien.

Ähnlich bewegend, wenn auch auf ganz andere Art war nur das Ablegen im Spätsommer 1980. Es war schon bekannt gemacht worden, dass es die vorläufig letzte Fähre sein würde, die nach Westen ging. Wir waren auf dem Weg zum Hafen an der streikenden Leninwerft vorbeigekommen. Die Angst war förmlich greifbar, die Bitte um Unterstützung, dieses was wird aus uns? Vergesst uns nicht! Diesmal hatten auch wir Angehörige am Zaun stehen und winkten und winkten. Von da an bin ich nie wieder mit der Fähre nach Polen gefahren, nur noch auf dem Landweg durch die DDR mit Zwischenstopp in Berlin – bei den beiden Menschen, die uns vorher viele Male zum Abschied in Danzig gewinkt hatten – sie waren nach Deutschland geflohen.

Nach gut dreistündiger Wartezeit hatten wir bei dieser ersten Reise die Prozedur der Zollabfertigung komplikationslos hinter uns gebracht. Als wir uns Richtung Danzig-Langfuhr in Bewegung setzten, kam es mir vor, als ob das Abenteuer jetzt erst so richtig begann. Die ersten Kilometer fuhren wir noch sehr vorsichtig, wir waren schließlich im Ostblock und wollten uns nicht gleich Ärger durch eine Geschwindigkeitsübertretung einhandeln. Wir rollten durch Neufahrwasser, ein Arbeiterviertel grau in grau, die Enge des heruntergekommenen Arbeiterviertels blieb bald hinter uns, Langfuhr war erreicht.
Weiter fahren wir am Bahnhof vorbei im weiten Linksbogen um die Altstadt herum. Durch pulsierenden Feierabendverkehr verlassen wir Danzig auf jetzt guter, breiter Straße. Industrieviertel werden langsam vom satten grün der Weichselniederung abge¬löst. Wir passieren lang gestreckte Dörfer und sehen hier und da noch die für diese Gegend typischen hölzernen Vorlaubenhäuser. Jedes bewohnte Storchennest wird noch begeistert begrüßt. Zwar komme ich aus der norddeutschen Tiefebene, aber Störche sind bei uns zur Rarität geworden.

Bis nach Elbing hin bleibt das Land bretteben, ähnlich wie die mir vertraute norddeutsche Marschlandschaft. Aber viel weitläufiger erscheint sie mir doch, dünner besiedelt und urwüchsiger, trotz teilweise industriell betriebener Kolchos-Landwirtschaft. Hinter Elbing geht die Ebene bald in sanfte Moränenhügel über. Wir diskutieren, ob wir Elbing nun zu Ost- oder Westpreußen rechnen wollen und einigen uns dann bei Preußisch Holland, heute Paslek darauf, nun schon allein ob des oberländischen Landschaftsbildes endgültig in Ostpreußen zu sein.

Die Frage, ob ganz Ostpreußen so hügelig wäre, bejaht mein Vater zumindest für den uns jetzt zugänglichen polnischen Teil, also das Oberland, Ermland und Masuren. Er sieht mich etwas erstaunt an und fragt halb belustigt, halb pikiert, ob ich denn wohl glaube, es wäre überall nördlich der Alpen ähnlich ‘plattdeutsch’ wie bei Stade. Da muß ich also schon mein erstes Bild revidieren, denn irgendwie hatte ich die Vorstellung, ostpreußische Weite mit durchgehend flachem Gelände kombinieren zu müssen, mit diesem ‘mittwochs schon sehen können, daß Tante Frieda am Sonntag zum Kaffee kommt’ der norddeutschen Tiefebene.
Das Erstaunen legte sich, die liebliche, rundliche Landschaft fing an, mir zu gefallen, abwechslungsreich war sie, mit saftig dunkelgrünen Wiesen, hellen Roggen- und gelbblonden Weizenfeldern, ausgedehnten Wäldern und den ersten Seen. es war Hochsommer, kurz vor der Getreideernte, die zweite Heumahd war im Gange. Landwirtschaft der Gegensätze, hier agrarindustrielle Bearbeitung von Staatsgütern, daneben Kleinbauern mit Pferd und Wagen, fast archaisch anmutend.

Wir wollten eine Rast machen und halten auf einem zum Parkplatz umfunktionierten alten Kurvenstück der Straße, einer wunderschönen, von mächtigen alten Bäumen gesäumten Allee. Da ist es nicht schwer ein schattiges Plätzchen für den Wagen zu fin¬den.
Wir stiegen aus und vertraten uns die Füße. Man könnte dabei ja auch gleich ein paar Landschaftsaufnahmen machen dachte ich bei mir und holte die Kamera. Es kam weit und breit kein Auto und ich spürte zum ersten Mal die Ruhe, die über dem Land lag. Ein Stück weiter hinter der Straßenbiegung wiegte sich weizen.

blondes Getreide im stetigen lauen Sommerwind. Da sah ich sie zum ersten Mal am Feldrand. knallblaue Kornblumen und Klatschmohninseln von einem schier unglaublich leuchtenden Rot.
Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber lag eine frisch gemähte Wiese, auf der mit feierlichem Ernst schreitend zwei Störche Mahlzeit hielten und sich von nichts und niemandem stören ließen. Ein Stück weiter wurde Heu eingefahren, ein hochbelade¬ner , von zwei Pferden gezogener Wagen bog gerade auf einen von der Hauptstraße in weitem Bogen leicht bergab nach rechts führenden Feldweg ein. Ich ging den Weg entlang, der von der Trockenheit der flirrenden Sommerhitze ganz staubig war. An seinen Rändern jedoch gedieh eine nie gesehene Farbenpracht aus der vielstimmiges Gezirpe und Gesumme sprudelte.

Expedition Kalte Heimat hatte ich das Unternehmen ironischdistanziert genannt, aber das war’s dann auch schon. Dieser eine, erste kleine Spaziergang genügte und ich war hin und weg. Ich konnte mich kaum satt sehen an den klaren Farben, an der weit bis nach Osterode am Horizont offen daliegenden Landschaft, hügelig, rundlich, beschaulich. Eine Sommerlandschaft, fast unwirklich friedlich und still, einladend zum Innehalten und Träumen, ohne Ecken und Kanten, anheimelnd gemütlich wie die ostpreußische Sprache.
Als ich zum Auto zurückkam, hatte ich einen ganzen Film ver¬schossen und wußte, diese Bilder würde ich nie wieder vergessen, auch wenn die Fotos nur Bruchteile davon zeigen würden. Ich spürte, etwas in mir hatte sich verändert, die Distanz war mir völlig abhanden gekommen jetzt hier und vorher auf dem Schiff. Wie unendlich weh mußte der Verlust dieses Landes meinen Eltern und Großeltern getan haben, langsam begann ich die Dimension zu begreifen, den Schmerz und hatte das Gefühl Abbitte leisten zu müssen für meine Lästereien. Und noch etwas: ich hatte mich regelrecht verguckt in dieses Land, fing an es zu lieben.

Mein Vater saß bei offener Autotür auf dem Fahrersitz und aß eine der mitgebrachten Stullen, als ich wiederkam. Er sagte nur: „Na?“ Ich erwiderte nichts, umarmte ihn still und konnte nichts sagen, weil ich zu sehr mit mir selbst und meiner Aufgewühltheit  beschäftigt war.

Als wir dann weiterfuhren fragte ich mich, wie das möglich war, ich hatte doch nun bei Gott schon so viel von der Welt gesehen, so schöne Lanstriche und dann das hier. Es war nicht nur die Schönheit, vom ersten Augenblick an spürte ich diese ganz besondere Verbundenheit, die sich nie wieder löste. Das hier war auch ein Stück von mir, gehörte zu mir, wie mein Name.

Das Land und ich , wir hatten uns gefunden.

Unser Ziel war Allenstein, die Heimatstadt meines Vaters. Alle Plätze in der Stadt die für die Familie einmal eine Bedeutung hatten, waren mir ja durch unzählige Er¬zäh¬lungen längst vertraut und so war Allenstein nicht wirklich fremd für mich, schnell hatte ich mich zurechtgefunden. Ich war begei¬stert, konnte gar nicht genug mit meinem Vater herumlaufen und kreuz und quer fahren. Hier gab es zum ersten Mal das, was ich als Kind und Jugendliche immer vermisst hatte, den eigenen Bezug zur Geschichte, hier war ich nicht in diesem merkwürdig luftleeren Raum des Nichtwissens.

Und mein Vater? Der war merkwürdig gelassen die ganze Zeit in Allenstein, er der eigentlich sonst eher ein Hektiker war und nicht eben von Geduld verfolgt, wurde nicht müde zu erzählen, was wo war. Zufrieden war er, dass seine Heimatstadt kein Trümmerhau¬fen war, das machte es ihm, der sowieso keinen Groll gegen Polen oder Russen hegte leichter, sich mit der Ge¬genwart abzufinden. Wohl hatte er etwas Bammel vor dem ersten Wiedersehen gehabt, der ihm aber schon bei der ersten Stadtrundfahrt verging. „Sieh mal,“ meinte er, „ich bin ja nicht von hier geflohen. Ich war ja schon seit meiner Einberufung zum normalen Wehrdienst 1937 nur noch auf Urlaub hier. Mein Lebensmittelpunkt lag von da an eigentlich immer da, wo meine Staffel lag, auch wenn ich dann verheiratet war und meine Frau hier in Allenstein. Ich war wirklich nur Urlauber daheim. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich im letzten Urlaub, den ich im Januar 1945 bekam, um meine Familie herauszuholen noch bis hierher durchgekommen wäre und dann selbst mit hätte um mein Leben laufen müssen. Jetzt bin ich einfach nur froh, dass ich überhaupt wieder her darf und dass Allenstein so gut aussieht, dass ich so vieles noch wieder finden kann.“

Imme hatte ich es schon als Kind sehr interessant gefunden, in den Akten mit dem vom Großvater penibel durchgestrichenen Hakenkreuzen zu blättern. Dort war alles gesammelt, was mit dem Haus zu tun hatte, das meine Großeltern in den 30er Jahren gebaut hatten. Die Häuser in der Traugutta-Straße stehen noch, auch das meiner Großeltern.
Trotz diverser schachteliger Anbauten erschien es mir kleiner, die Räume erschienen enger als erwartet. Mein Vater gab zu, dass die Großeltern ihr Haus gern zu einem mittleren Palast gross geredet hatten, er hatte nur der Bequemlichkeit halber nicht wider¬sprochen. Ich hab schließlich nie behauptet, dass es so groß war, wie unser jetziges oder vielleicht Gummiwände hatte, murmelte er.

War es nun das, was ich dort zu finden hoffte? Eine Momentaufnahme aus der Familiengeschichte, nur eine sentimentale Remi¬niszenz an die Erzählungen aus der Kindheit? Oder wollte ich doch nur bestätigt finden, daß alles nur ein Traum in der Erinnerung der Eltern war, daß es dieses Land so nur in der Erinnerung der Eltern und Großeltern gab? Was hatte ich eigentlich erwartet? Eine Art Freilichtmuseum, in dem alles mit dem Kriegsende wie eingefroren war? Aber dieses Land lebte noch – Gott sei dank!
In Allenstein hatte ich schon bei dieser ersten Reise etwas erfah¬ren, wonach ich mich bereits als Kind gesehnt hatte. Das hier war meine Geschichte, hier ging mein Vater mit mir durch die Stadt und zeigte, wo die Urgroßeltern gewohnt hatten, wo er zur Schule gegangen war, wo er seinen Beruf erlernt hatte und natürlich wo früher Cafe Bade war, indem Oma sooo gerne saß.

Endlich hatten Bauten und Plätze einen Beziehung zu meinem Leben, zu meiner Familiengeschichte.

Die Hälfte meiner Wurzeln hatte ich gefunden. Nicht einmal Orientierungsprobleme bekam ich, anscheinend hatte ich den Stadtplan schon in der Kindheit verinnerlicht. Die vielen Ge
schichten hatten sich mit einigen hundertmal gesehenen Fotos zu sehr präzisen Bildern verdichtet, die ich fast vergessen glaubte, jetzt aber nur abzurufen brauchte. Viele Jahre später ging mir das mit Insterburg, der Heimatstadt meiner Mutter genauso.

Jedenfalls fühlte ich mich hier durchaus ein Stück weit zugehörig, auch wenn die Menschen eine andere Sprache sprachen. Aber selbst mit dieser Sprache erlebte ich eine Überraschung, denn viele Worte kannte ich aus dem Wortschatz meiner Großmutter. Für Ostpreußisch hatte ich das immer gehalten, für eine Art Dialekt, aber das war es nicht, es war Po Naszemu, Polnisch also. Daher klang mir dann auch die Sprache vertraut, und ich habe sie bald nur so vom Zuhören leidlich gelernt.

Sicher, nach dreißig Jahren hat sich jede Stadt verändert, auch ohne Kriegseinwirkungen und an manchen Bauten nagt der Zahn der Zeit, manche gibt es gar nicht mehr. Trotzdem glich sie noch sehr dem, was ich vorzufinden erwartete, sie hatten in ihren Er¬zählungen nicht einmal übertrieben, diese Stadt und ihre Umgebung waren schön.

Schnell kam ich auch dahinter was mich irritierte, als ich zum ersten Mal die Altstadt sah: meine Vorstellung von Ostpreußen war schwarz – weiß, genau wie die vielen Fotos, die ich gesehen hatte.

Das änderte sich jetzt natürlich mit jedem Eindruck, den ich wahrnehme. Was ich mit eigenen Augen in der Gegenwart sah, wurde natürlich farbig abgespeichert, die alten Eindrücke blieben schwarz – weiß.

Vor dieser ersten Reise war Ostpreußen mehr eine Kindheitserinerung, durch die Familie irgendwie immer präsent, aber dar¬über hinaus für mich persönlich ohne größere Bedeutung. Ja ei¬gentlich hatte ich ein ambivalentes Verhältnis zu Ostpreußen. Einerseits hatte es meine Kindheit dominiert, andererseits ging mir dieses Leben in der Vergangenheit auf den Geist. Vor allem wollte ich um keinen Preis etwas mit Revanchismus zu tun haben, wollte politisch der rechten Ecke so fern wie nur irgend möglich bleiben. Andererseits wußte ich, daß sie als Ostpreußen kollektiv den Preis zahlten und andere, die als Bevölkerung einer westlicheren Region nicht mehr und nicht weniger schuldig waren, kamen kollek¬tiv ungeschoren davon. Ich war gespannt auf dieses Land, suchte aber bewusst Distanz, besonders zu den Gefühlen meiner Eltern und Großeltern.

Und nach dieser Reise?

Ich fragte mich, wie sie diesen Verlust überhaupt verkraften konnten. Man hatte ihnen diese Heimat amputiert, der Stumpf war schlecht und recht verheilt und nun hatten sie lebenslang Phantomschmerzen. Sie mussten lernen, deutsche Schuld daran anzunehmen, Ostpreußen ist verspielt worden.  Sie haben diesen Preis zahlen müssen, auch wenn sie nicht schuldiger waren als andere Bevölkerungsgruppen – Grenzlandschicksal.
Es berührte mich so sehr eigene Spuren zu finden, daß ich meine Reserviertheit  ziemlich schnell abgelegt hatte. Dieses Land saß mir viel tiefer im Herzen, als ich es mir je vorher eingestanden hätte, nicht nur diese Stadt, mit der ich von nun an auch selbst immer verbunden sein würde, das ganze Land Ostpreußen hatte mich gefangen, mich für sich eingenommen.

Nach dieser Reise war eigentlich nichts mehr wie vorher. Ich hatte eine andere Welt kennen gelernt, eine Welt, die eine Verbindung zu mir persönlich hatte, die mich mit geprägt hatte, wie ich mir eingestehen musste. Auch wenn diese Welt  keinerlei Zu¬sam¬menhang mit dem Alltagsleben in der Bundesrepublik hatte, begann ich die Dinge ganz anders einzuordnen, wusste wie un¬glaublich gut es mir ging und wieviel Glück ich hatte, im satten, wohlhabenden Teil der Welt geboren

zu sein, einer Welt, in der ich obendrein eigentlich jede nur erdenkliche Freiheit genoss.
Nun wusste ich, dass es dort im Osten eine andere Welt gab – ja es gab sie wirklich noch – und fühlte mich dieser anderen Welt sofort irgendwie zugehörig, spürte, daß sie zu dem  gehörte was meine  Persönlichkeit ausmachte.

Bei dieser ersten Reise bestimmte die Spurensuche meine Ein¬drücke von diesem Land, später nahm die Bedeutung der Begegnungen immer mehr zu. Besonders als wir im Jahr darauf 22 Jahre nach Kriegsende durch einen Zufall, den der einsetzende Heimattourismus möglich machte, unsere Verwandten in Osterode wieder fanden. Was für erin Glück! Das verstärkte dann das Gefühl der Verbundenheit mit dieser anderen Welt noch mehr und ließ mich auch immer tiefer in sie eindringen.

Ich war in einem Land, weit, weit entfernt, noch entfernter von unserer Wirklichkeit in der Bundesrepublik. In einem Land, das für mich auftauchte aus der Verwunschenheit des Märchens, aus den Geschichten meiner Kinderzeit. Ein Land aus einer anderen Zeit, einer Zeit deren Takt mit dem des Menschen noch eins ist, in dem man Hektik und Ruhelosigkeit unserer Zeit so nicht kennt.

Dieses Land bedient alle Sehnsüchte, die eine Seele in Bezug auf Heimat haben kann, Anmut und Sanftheit der Hügellandschaft, die Stille verwunschener Seen, in hohe dunkle Wälder eingebettet, der Frieden wenn abendliche zarte Nebelschwaden aus den saftigen Wiesen steigen und sich zu fein gesponnenen Schleiern vor den orangeroten Abendhimmel schieben, das kurze Klatschen der kleinen Haffwellen am Ufersaum, die Bernsteinbrandung an der Nehrung, das Murmeln des gleichmäßigen Rollens der See  im Nehrungswald, die Waldgeräusche, singende Vögel, knakkende Äste, im Wind sich wiegende Bäume, einschläfernd beruhigend stetig rauschend.

Es gibt nichts eckiges, abruptes in dieser Landschaft, Ostpreußen ist ein rundliches Land, voll anmutiger Schönheit, voll tiefem inneren Frieden, aber mit einem leichten Anflug von Trauer. Hat es sie schon immer gegeben, diese Melancholie? Oder ist sie Schmerz über die tiefen Wunden, die Menschen diesem Land schlugen? Oder ist es allein unser eigener Schmerz, der diese Melancholie zu sehen glaubt? Ist es unsere eigene Trauer, die wir sehen?
Wissenschaftlich betrachtet, könnte man Flucht und Vertreibung als Binnenmigration innerhalb eines im Zerfall befindlichen Staates einordnen. Es gibt tatsächlich etliche Parallelen was die sozialen Probleme dieser deutschen Flüchtlingskinder und heutiger Migrantenkinder betrifft. Andererseits ist ein großer Unterschied zu verzeichnen, Migration kann etwas freiwilliges sein, Flucht und Vertreibung bedeuten einen gewaltsamen Heimatverlust für immerhin ein Fünftel der Bevölkerung. Die größte Deckungsgleichheit gibt es daher, wenn man die deutschen Flüchtlingskinder mit Asylantenkindern vergleicht. Auch nach dem zweiten Weltkrieg nämlich gab es Auseinandersetzungen ob der Wohnungsnot, ein Verteilungskampf der beiden Schicksalsgemeinschaften Ausgebombte und Flüchtlinge entbrannte. Es gab Überfremdungsängste, Angst vor der Konkurrenz um den Arbeitsplatz, Neid ob der in den 50er Jahren einsetzenden Lastenausgleichszahlungen mit denen oft Häuser gebaut wurden, Vorstellungen von sozialer Desintegration sowie massive xenophobe Abwehrreaktionen.

Für die Kinder aus Flüchtlingsfamilien galt generell:
- Flüchtlingskinder hatten durchweg traumatisierte Eltern, Großeltern und Verwandte.
- Flüchtlingskinder hatten niemanden, der ihnen die Umwelt in die sie hineingeboren wurden erklären konnte.
- Flüchtlingskinder erfuhren Ablehnung obwohl sie auch Deutsche waren und am Ort geboren waren.
- Flüchtlingskinder wuchsen zwischen zwei Welten und Identitäten auf, ihrer eigenen ortsgebundenen und der idealisierten ihrer Eltern. In Mischfamilien wurde dieser Punkt oft durch ein „Vergessen“ der Flüchtlingsidentität überwunden. Viele meiner Altersgenossen aus solchen Familien wissen nicht einmal genau, wo dieser Elternteil herkam. Auch der Flüchtlingselternteil selbst wurde am schnellsten durch Schweigen in die neue Umwelt integriert.

Unsere Identität war also immer auch ein Spagat zwischen der Heimat-Identität unser Eltern und der Identität der Region, in der unsere Sozialisation stattfand.
Immer war da auch diese virtuelle Identität, die unsere Familien ins Exil mitgebracht hatten., die uns vermittelt wurde und unsere Loyalität den Eltern gegenüber gebot es uns eigentlich, diese Elternidentität hochzuhalten, sie zu pflegen und zu hegen.
- Flüchtlingskinder erlebten eine Bindungslosigkeit an ihre Umgebung, die erst mit dem Heranwachsen und während des Abnabelungsprozesses zurück gedrängt wird. Dann und mit der Angleichung der Lebensverhältnisse begann die Prägung durch die Umwelt einen stärkeren Einfluss zu gewinnen. Allen ist durch die Traumata der Eltern das Drama des Verlustes. Satt mit einem Urvertrauen, das auf Sicherheit gründet, wachsen sie auf mit dem Gefühl, dass man jederzeit alles verlieren kann. Als Langzeitfolge sieht man in dieser Gruppe vor allem die beiden Extreme häufig vertreten. Zum einen ist da die fast krampfhafte Anstrengung einer eigenen Verwurzelung durch eine völlige Identifizierung mit und Bindung an die eigene Heimatregion in der man geboren wurde, oder eine Region, die man sich selbst ausgesucht hat und zu der ein starkes Zugehörigkeitsgefühl entstanden ist. Bei der anderen Gruppe herrscht die völlige Bindungslosigkeit eines Weltbürgertums, die wenn man tiefer schaut oft einfach Verlustangst ist, der nach der Devise „was ich nicht habe, kann mir auch niemand nehmen“ begegnet wird.

- Flüchtlingskinder erleben von ihren Eltern eine große Bandbreite von vermittelten Denkmustern. Bei den einen Familien kam kaum ein anderes Thema aufs Tapet als die verlorene Heimat, den anderen war gerade dieses Thema ein Tabu. Letzteres war bei Mischfamilien häufiger als bei reinen Flüchtlinsgfamilien.

- Flüchtlingskinder erfuhren oft erst als das Thema Flucht und Vertreibung im Zuge der Berichterstattung über die Balkankriege wieder in den Vordergrund rückte, die ganze Geschichte, vor allem die der Frauen in ihrer Familie. Aus Scham vor den erlittenen Demütigungen, Erniedrigungen, Vergewaltigungen und dem Gefühl der eigenen Niederlage hatten sie Jahrzehnte lang geschwiegen. Doch oft hatte dieses eiserne Schweigen sie selbst verhärtet und wir erlebten sie als kalt und unnahbar, ohne um die Gründe zu wissen. Das führte dazu, dass wir Nachgeborenen uns unseren Müttern und Großmüttern gegenüber schuldig empfanden und so waren wir plötzlich als reife Erwachsene wieder in diesem Kreislauf von Trauer und Verlust gelandet.

„Das Erbe tragen wir in uns“ schreibt Helga Hirsch in ihrem Buch „Schweres Gepäck“.
Das war und bleibt so, ob wir wollen oder nicht. Es war oft ein Hin- und Hergerissensein und manchmal eine ziemlich Wut auf dieses ferne Masuren. Dazu waren wir konfrontiert mit dem Gedanken, dass Deutsche, vor allem unsere Eltern und Großeltern nicht nur Täter sondern auch Opfer waren, mussten erkennen, dass Geschichte eben nicht eindimensional in gut und böse unterteilen kann. Es war nicht einfach unter einen Hut zu bringen, dass Flucht und Vertreibung als gerechte Strafe angesehen wurde, diese Strafe aber weder gerecht auf die Deutschen verteilt war, noch zwischen persönlich Schuldigen und Unschuldigen unterscheiden konnte. Wir erlebten in unseren eigenen Familien, dass Geschichte etwas sehr komplexes ist. Für die Generation der 68er zu der ich gehöre war es schwierig politisch auf der „richtigen“ Seite zu stehen, deutsche Schuld keinesfalls zu relativieren, aber auch das Schicksal unserer Familien nicht zu verleugnen.

Mit diesem Teil des Erbes waren wir lange ausgelastet. Erst nach der Wende gingen die meisten von uns daran, sich mit Masuren, diesem Herkunftsland ihrer Familien zu näher beschäftigen und es zu besuchen, oft noch gemeinsam mit den Eltern.
Für kaum jemanden von uns ist die Reise zu den eigenen Wurzeln eine Urlaubsreise wie jede andere gewesen. Immer waren da auch diese ganz besonderen Emotionen, die hochkamen wenn man entdeckte, dass dieses Land ein Teil von einem selbst ist.
Spurlos geht diese Reise zu den eigenen Wurzeln an keinem vorbei, so söhnten sich die meisten mit ihren Wurzeln aus und nehmen ihre eigene komplizierte, von vielen widersprüchlichen Einflüssen geprägte  Identität an.

Aber sind wir deswegen noch Kinder Masurens? Oder haben wir zwei Heimaten?
Was ist überhaupt Heimat? Einigen wir uns auf den paradiesischen angstfreien Zustand der Kindheit, der reale Ort an den wir – und das ist wie ein beruhigendes Versprechen – immer zurückkommen können. Wenn wir Heimat wissenschaftlich gesehen  als Zugehörigkeit zu einem vertrauten Ort mit einer überschaubaren sozialen Gruppe innerhalb der Gesellschaft betrachten, folgt daraus fast zwingend, dass man Heimat nicht vererben kann.
Was man vererben kann sind Wurzeln, Prägungen durch Generationen von Menschen und ihre speziellen Denk- und Verhaltensweisen, Sprache und einen spezifischen Wertekonsens, also alles, was das kollektive Gedächtnis einer Familie ausmacht und was man am ehesten unter kultureller Identität zusammenfassen kann.

Masuren ist nicht unsere Heimat, kann es nicht sein, aber es ist in uns und so lange wir uns damit beschäftigen, wird es nicht sterben, das alte Masuren unsrer Eltern und Großeltern. Wir sind da eher ein wenig wie verwaist, eher die Waisen eines Masuren, dass schon vor unserer Geburt starb.

Unsere eigene Heimat ist unsere persönliche Angelegenheit, man kann sie uns nicht anerziehen, sie kann nur dort sein, wo wir uns als Kinder geborgen fühlten, wo wir die Welt zu entdecken begannen. Die Suche einer as eigenen Identität war für viele von uns ein langer, komplizierter Prozess, und zu dieser Identität gehört beides, Masuren, die Heimat unserer Eltern und unserer eigene Heimat.

Und ich? Ich bin wie ein Baum mit ganz langen Wurzeln, dis bis nach Masuren reichen. Aber meine Heimat ist Norddeutschland. Ich brauche das Wasser, Wasser mit all seiner Schönheit, Wildheit und allen Gefahren. Ich brauche die Küste, das weite platte Land mit dem dramatischen Himmel darüber, muss mich am Meer oder am großen Strom jederzeit durchpusten lassen können. Und ich muss den Himmel sehen können, frei und ohne den Kopf erst in den Nacken legen zu müssen, ich brauche den Horizont in Augenhöhe. Bei aller Schönheit und aller Liebe zu Masuren, ohne Masurens Wald könnte ich leben, ohne die Küste nicht.

© 2010, Brigitte Jaeger-Dabek. All rights reserved.

Related posts:

  1. Leben in der Fremde Tagelang war Johanna Dresp ruhelos durch ihre ziemlich zerstörte Stadt...

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.

Leave a Comment

Previous post:

Next post: