Es ist dunkel im Zimmer, nur eine schwache Leuchtstoffröhre wirft ein sanftes, erstaunlich warmes Licht auf das Krankenhausbett. Und still ist es, keine Maschinen ticken, keine Überwachungsgeräte piepen im Takt seines Herzens, nichts flimmert, nur sein schwerer Atem, sein Röcheln ist zu hören.
Die Nachtschwester kommt regelmäßig nachschauen, sie streicht mir über die Schulter und bringt mir einen Teller mit Keksen und eine Kanne Kaffee.
Wie lange sitze ich hier schon an seinem Sterbebett? Wie viele Abende, wie viele Nächte? Er ist unruhig, hat Phasen, in denen er nicht eine Minute stilliegen kann. Dann folgt wieder eine Panikattacke, in denen seine Augen ruhelos durchs Zimmer eilen, manchmal meinen Blick suchend und einen Moment in ihm ausruhend.
Ein Sekundenbruchteil des Verstehens, Erkennens, dann wieder Abwehr. Seine rechte Hand fingert haltlos über die Bettdecke, ist unablässig in Bewegung, die fliegenden Augen weiten sich panisch, die linke Hand klammert sich an meiner fest, unlösbar wie im Krampf, so dass ich noch Wochen lang kleine Wunden habe. Der ganze Körper bäumt sich auf, zittert im Krampfanfall.
Die Schwester will es mir nicht so genau sagen, aber ich weiß, dass es nicht nur Austrocknung ist, nein, das sind Entzugserscheinungen, nachdem alle Beruhigungsmittel und Psychopharmaka abgesetzt sind. Cold Turkey nennt man das unter Süchtigen, jetzt weiß ich wie das aussieht, Aber das hier ist kein Junkie, das ist mein Vater.
Ich fühle mich so schuldig, das geht nun schon seit über einer Woche so, wie lange noch, wie lange noch?
Oh Gott verzeih mir, denn ich hab’ mich ja so heroisch gefühlt dabei, als der Arzt anrief und sagte: Oh gut, dass ich Sie am Telefon habe, damit müssen wir dann Ihre Mutter nicht belasten. Ihr Vater hat eine beginnende Lungenentzündung, ich würde Ihnen vorschlagen nicht mehr weiter zu therapieren, sondern ihn in Frieden sterben zu lassen, es ist ja doch auch kein Leben mehr. Ja habe ich da schlicht gesagt, dann wollen wir ihn ruhig einschlafen lassen, als ob ich Du wäre, Gott.
Aber er schläft nicht ein und ruhig schon gar nicht, vierzehn lange Tage, vierzehn dunkle Nächte nicht. Nur in einen unruhigen komagleichen Fieberschlaf fällt er zwischendurch, dann liegt seine Hand fest, aber ruhig in meiner.
Das Pflegeheim ist auf Abschiede eingerichtet. Alles ist hier erlaubt, wir wechseln uns ab, vierundzwanzig Stunden am Tag, alle sind so warmherzig, verabschieden sich von ihm, dabei war Vater kein bequemer Patient, er war böse, wütend, verunsichert und schlug um sich, schlug auch die Schwestern.
Wenigstens das kann ich tun, es aushalten und ihn nicht verlassen, den ich zum jetzt Sterben verurteilte, bei ihm bleiben bis zum Ende. Es war ein langer Abschied, so viele Jahre lebte er schon im Dunkel, kannte uns nicht mehr, war ein völlig Fremder geworden, der im Körper meines Vaters lebte.
Stundenlang habe ich Zeit das Leben Revue passieren zu lassen, sein Leben, mein Leben. Wie lange hatte es gedauert, bis man sah, dass er krank war, sehr krank. Zuerst kam das finanzielle Chaos, dann die sichtbaren Aussetzer. Wenn er den Überblick verlor, wurde er böse, tobte, raste, entwickelte in seiner Panik ungeheure Kräfte, dann war er nicht zu bremsen. Wenn er auf war, hatte er einen ungeheuren Bewegungsdrang, konnte stundenlang auf- und ablaufen und plötzlich leise, leise zur Haustür hinaushuschen, bei Tag und bei Nacht.
Aber daran müssen Sie ihn doch hindern! Immer wieder gehört, klug gesagt, aber wie? Schlagen? Ringen? Festbinden? Aufpassen macht müde, streiten macht müde, stumpf und so bleiern gelähmt, manchmal schon frühmorgens unfähig, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.
Immer seltener wurden die Momente, in denen er noch mein Vater war, bald vergaß er, wo er war, wer wir waren, verlangte nach seiner Frau, die doch neben ihm saß. Und so viel Wut, seine Wut, meine Wut, warum diese Krankheit, warum er, was hat er nun schon wieder gemacht? Und keine Hilfe, niemand versteht, niemand will etwas zu tun haben mit dem Wort Alzheimer, der ist ja bekloppt, da guckt man lieber weg.
Am Ende war er fremd in sich selbst, hatte die Bedeutung aller Worte, aller Handlungen verloren. Wie lebt man in dieser Begriffslosigkeit, ständig erschreckt, weil man nichts von dem versteht, was um einen herum vorgeht, nichts mehr in Worte fassen kann, die Worte völlig verlor? Lebte er in einer eigenen Welt, einem Autisten gleich, was ging in ihm vor?
Vierzehn Nächte sterben sind lang, da kann man viel erinnern zwischen den immer häufigeren immer heftigeren Panikattacken, die schlimmen letzten fünf Jahre, aber auch all das Schöne, Deine Liebe, Deine Großzügigkeit, Deine Hilfe und Fürsorge.
Ach wenn ich Dir doch Deine Angst nehmen könnte. Auch mir würde es dann besser gehen, verzeih mir, was ich Dir wann auch immer antat, verzeih meine häufige Ungeduld, meine Wut, meinen Schmerz. Verzeih, dass ich Dich hierher brachte, als Du Mutter würgtest, verzeih meine Hilflosigkeit, Erschöpfung und Angst, meine Angst vor dem Dämon in Dir.
An seinem letzten Tag dann plötzlich ein Zeichen, ein Erkennen, ich weiß nicht ob er weiß, wer ich bin, aber er erkennt, dass ich zu ihm gehöre. Und dann signalisiert er etwas. Einem Wunder gleich, kommt ein Stück Vater aus dem Dunkel zurück. Er kann nicht mehr reden, aber er zeigt mir mit inständig flehendem Blick aus den sonst so leeren Augen, was er will. Er zeigt auf seinen rechten Ringfinger, gestikuliert bis er begreift, dass ich verstanden habe, er möchte, dass meine Mutter seinen Ehering nimmt und behält.
Es war der letzte Kontakt aus dem Dunkel heraus, und er wusste auf seine Art, dass er starb. Und dann ging er doch ganz leise, hörte einfach auf zu leben und ich war da bei seinem letzten Atemzug und am Ende war da nur noch Liebe.
© 2010, Brigitte Jaeger-Dabek. All rights reserved.
No related posts.
Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.




