Tagelang war Johanna Dresp ruhelos durch ihre ziemlich zerstörte Stadt Allenstein gelaufen, hatte alle Plätze aufgesucht, an denen ihre Kinder und Verwandten gelebt hatten, aber niemand war mehr da.
Sie war allein zurückgeblieben. Als plötzlich die Russen am Stadtrand standen, hatte keiner mehr Zeit gehabt, die alte Frau zu holen, alle waren in wilder Panik von dort geflohen, wo sie gerade waren.
Kaum dass sie überhaupt mal einen Menschen in der Stadt gesehen hatte, war denn niemand mehr außer ihr da? Zwischen ihren Streifzügen saß sie immer wieder Stunden am Küchenfenster und schaute hinaus. Was sie sah waren Russen, zu Fuß, auf Panzern und manchmal bewachten sie deutsche Soldaten, die sie in langen Schlangen durch die Stadt trieben. Dann hatte Johanna schon seit zwei Tagen keine deutschen Soldaten mehr gesehen. Was mochte aus dem Krieg geworden sein? War überhaupt noch Krieg? Nichts wusste sie, nichts.
Dann hatte sie ihre ehemalige Nachbarin getroffen, doch es gab noch Deutsche in der Stadt, hatte die ihr erzählt, Frauen und Kinder meistens, aber niemand traute sich auf die Straße aus Angst.
Johanna war schon fast achtzig Jahre alt, verhärmt und immer schwarz gekleidet wirkte sie eher noch älter. Sie meinte jedenfalls, sie wäre zu alt um Angst vor den Russen haben zu müssen, wer würde ihr alter Frau schon etwas tun? Dann kamen die Russen, polterten durch die große leere Wohnung, die ihrem Sohn Walter gehörte, nahmen alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Und sie bombardierten sie mit Fragen, deutsch gestellten Fragen.
Johanna verstand sie kaum, antwortete polnisch, denn immer noch sprach sie besser polnisch als deutsch. Sich mit den Feinheiten der ermländischen Gesellschaft und Geschichte zu befassen, zu verstehen, warum die Muttersprache dieser deutschen Frau dem Polnischen so viel näher war, als dem Deutschen, fehlte den Rotarmisten die Geduld. Frau, Du weg hier, Wohnung für Kommandant hieß es im Brüllton.
Johanna war verstört, schaute ratlos von einem Soldaten zum anderen. Denen ging es nicht schnell genug, mit dem Gewehr stoßend, trieben sie die alte Frau aus der Wohnung. Sie blutete, einer der Soldaten hatte eine gewaltige Alkoholfahne und der kleinen alten Frau mit dem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen.
Unterschlupf fand sie in einem Keller, schlimm sah sie aus mit ihrer eingeschlagenen Nase, ihr Gedächtnis litt durch den Zwischenfall. Keiner kümmerte sich um die alte Frau, sie lebte in einem Albtraum und einer Umwelt, die ihr von einem Tag auf den anderen fremd geworden war, die sie nicht verstand. Sie war zu alt, zu hilflos, sich in dieser Welt zurecht zu finden, die ihr niemand erklärte. Alle ihre menschlichen Beziehungen und Bindungen waren zerrissen. Auch nach Wochen war keiner ihrer Angehörigen zurückgekehrt, dafür waren nun Polen gekommen. Auch in die Wohnung, in der sie mit der Familie ihres Sohnes gelebte hatte, war eine polnische Familie eingezogen. Sie hatte versucht, ein paar von ihren Sachen zu bekommen, man sprach ja die gleiche Sprache. Sie sprach doch Polnisch, aber das half ihr auch nicht, fortgejagt wurde die Hitlerowka.
Wenige deutsche Menschen waren zurückgekehrt und die berichteten, der Krieg wäre zu Ende, jemand hatte auch gesagt, das hier würde nun ganz zu Polen kommen. Dafür sprach, dass immer mehr Polen in die Stadt kamen.
Sie fragte jeden Deutschen, den sie in der Stadt traf nach den Ihren, aber niemand wusste etwas, niemand hatte einen von ihnen getroffen. Wochenlang irrte sie rastlos, hilflos durch die Stadt, in der sie sich nicht mehr auskannte, nachdem die Altstadt auch noch von betrunkenen Rotarmisten in Brand gesetzt worden. Sie lief herum, bis jemand von ihrem Bruder berichtete, dem Eisenbahner, der in Osterode lebte und dort geblieben war.
Sie machte sich auf den Weg, zu Fuß, und war tagelang unterwegs. Sie kannte die Landschaft, die Orte, hatte ja ihr ganzes Leben hier verbracht und doch war ihr alles fremd geworden, denn da war kein Mensch mehr, der ihr vertraut war. Die Menschen, die nun kamen oder schon hier waren, standen ihr feindlich gegenüber, auch wenn sie Polnisch mit ihnen sprach und verscheuchten sie. Schleierhaft war ihr, woher man etwas zu Essen bekommen sollte. Wer könnte helfen, wer Ordnung schaffen? Wer hatte die Macht? Die Russen? Die Polen? Alle? Hilflos, verschämt und leise bettelte sie Menschen um etwas Essbares an, wusste nicht, vor wem sie sich hüten musste, wem sie trauen konnte.
In Osterode dann endlich fand sie ein Stückchen Geborgenheit, sie schlüpfte bei ihrem Bruder unter und klammerte sich an dieses kleine Restchen des vertrauten Lebens. Aber auch hier gab es kaum noch Bekanntes, Johanna Dresp verstand die Welt, die bis vor ein paar Wochen ihre Heimat gewesen war nicht mehr.
Groß geworden war Johanna Dresp in einer Welt, in der polnische Sprache und deutsche Identität kein Widerspruch waren. Da störte es bis zur Nazizeit niemanden, dass sie Zeitlebens besser Polnisch als Deutsch gesprochen hatte. Weil das so war, hatte die Familie bei gewissen Gelegenheiten während der Nazizeit oft Blut und Wasser geschwitzt, und sie lieber versteckt.
Und nun wurde sie ausgewiesen, vertrieben als Deutsche. So etwas verwirrte auch jüngere Menschen. Johanna Dresp aber war alt, ihr Alltagsleben war restlos aus den Fugen geraten und sie fand sich nicht mehr zurecht, nicht in ihrer nun polnischen Heimat wo sie die Deutsche, die Hitlerowka war, und auch nicht in Deutschland, wo sie die Pollacksche war.
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